Statement von Ina Rosenthal für die Veranstaltung „Was brauchen Lesben in Berlin?“
Am 5.11.25 fand in der BEGiNE ein Treffen „Was brauchen Lesben in Berlin?“ mit Alfonso Pantisano, Ansprechperson Queeres Berlin statt. Wir haben uns intensiv über die Bedarfe von Lesben in Berlin und ihre akuten Probleme ausgetauscht. Ina Rosenthal, Autorin, Beraterin und Geschäftsführerin der Pinkdot gGmbH, hat speziell für diesen Abend ein Statement geschrieben. Wir freuen uns sehr, dass wir ihre Worte mit Euch am Anfang des Jahres und mit einem hoffnungsvollen Blick auf die Zukunft, teilen dürfen.
Statement von Ina Rosenthal für die Veranstaltung „Was brauchen Lesben in Berlin?“ (BEGiNE, 5.11.2025)
Vielfalt ist kein Luxus. Sie ist die Grundlage jeder lebendigen Demokratie. Und doch sehen wir immer wieder, dass Frauen – und besonders lesbische Frauen – in ihren Bedürfnissen übersehen werden. Gewalt gegen Frauen nimmt zu, ebenso wie Antisemitismus. Beides sind Symptome derselben gesellschaftlichen Krise: der Weigerung, Unterschiede wirklich anzuerkennen und Menschen in ihrer ganzen Komplexität zu sehen.
Vielfalt und Unterschiedlichkeit als Ressource und Kapital einer Gesellschaft zu begreifen, ist kein „nice to have“, sondern überlebenswichtig. Einheitlich zu denken und zu leben hat uns – in der Vergangenheit wie in der Gegenwart – nie zu Frieden oder sozialer Sicherheit geführt.
Heute wird jüdische Identität in öffentlichen Debatten oft nur im Kontext des Nahostkonflikts wahrgenommen – als wäre sie eine politische Haltung und nicht zugleich eine kulturelle, religiöse und familiäre Identität, die seit Jahrtausenden diskriminiert und bedroht wird und doch immer wieder überlebt.
Ich spreche hier als deutsche jüdische Frau, als Lesbe, als jemand, die in diesem Land verwurzelt ist – und doch immer wieder spürt, wie fragil Zugehörigkeit sein kann. Wir, die Kinder und Enkel jener Jüdinnen und Juden, die in Deutschland gelebt und überlebt haben, wissen, wie schnell Selbstverständliches wieder zur Frage wird: Wer gehört dazu – und wer nicht?
Jüdisch zu sein und zu leben bedeutet für mich, die Vergangenheit meiner Mutter, ihrer Mutter und ihrer Großmutter zu ehren – Glauben und Hoffnung festzuhalten, Gastfreundschaft zu leben und das Unbekannte nicht zu fürchten. Es bedeutet, das Vermächtnis meiner Ahnen:innen in mir zu tragen: den Mut, zu bleiben, wenn es unbequem wird, und die Offenheit, anderen die Tür zu öffnen.
Vielleicht erinnern wir uns hin und wieder daran, dass Gastfreundschaft – und damit die Neugier und Akzeptanz des vermeintlich Fremden – in der jüdischen Tradition kein freundlicher Akt ist, sondern – im besten Sinne – eine heilige Handlung, ein Ritual der Menschlichkeit.
Rabbinerin Sandra Lawson erinnert uns: „In Jewish thought, hospitality – hakhnasat orchim – isn’t just a nice thing to do; it’s a sacred act.“¹
Und Rabbinerin Leah Novick schreibt: „Religion ist ein Mittel – kein Hindernis – für sozialen und politischen Frieden und gegenseitige Toleranz.“²
Diese Worte beschreiben für mich den Kern jüdischer Identität: den Glauben daran, dass Frieden und Gastfreundschaft nicht voneinander zu trennen sind – dass echter Frieden dort beginnt, wo wir einander zuhören, auch wenn wir unterschiedlich sind.
Antisemitismus – wie auch Diskriminierung in jeder anderen Form – funktioniert über Vereinfachung. Er macht das Komplexe verdächtig, das Vielfältige bedrohlich. Er spaltet dort, wo Verbindung möglich und notwendig wäre.
An der Bruchstelle, an der die Bedürfnisse der Schwächsten nicht gehört werden, zeigt sich, wie viel Mitgefühl, soziale Gerechtigkeit und demokratische Reife eine Gesellschaft wirklich besitzt.
Was wir brauchen – als Lesben, als Jüdinnen, als Frauen, als queere Menschen – ist Akzeptanz, Sichtbarkeit und die Bereitschaft, einander zuzuhören, auch wenn es unbequem ist.
Aber wir brauchen mehr als Worte: Wir brauchen Räume und verlässliche Ressourcen – Orte, an denen Begegnung, Sichtbarkeit und Solidarität möglich werden.
Räume, in denen Begegnung möglich wird – offene, gelebte Orte, an denen Neugier und Mitgefühl wachsen können. Räume, in denen wir uns nicht erklären, sondern erkennen. Ohne solche Räume vereinzeln wir, werden unsichtbar und verlieren genau das, was uns verbindet: die Fähigkeit, einander menschlich zu begegnen.
Denn der Zustand einer Gesellschaft zeigt sich nicht in der Stärke der Lautesten, sondern in der Fürsorge für jene, die leicht vergessen werden – für lesbische, jüdische, behinderte und ältere Frauen, für Sintizze und Romnja, für Frauen mit und ohne Fluchthintergrund, für neu Zugewanderte, für Menschen aller Hautfarben, Orientierungen und Identitäten.
Vielfalt heißt, niemanden zu vergessen – nicht in der Geschichte, nicht in der Gegenwart, und schon gar nicht in der Zukunft.
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Quellen:
¹ Rabbi Sandra Lawson, Gratitude and Hospitality: A Jewish Reflection on Thanksgiving, Reconstructing Judaism, 2021.
² Rabbi Leah Novick, Religion as a Means to Peace and Mutual Tolerance, amritapuri.org, 2003.
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