Sophie Yukiko für ADEFRA e.V., „Was brauchen Lesben in Berlin?“

Am 05.11.25 fand in der BEGiNE ein Treffen „Was brauchen Lesben in Berlin?“  mit Alfonso Pantisano, Ansprechperson Queeres Berlin statt. Wir haben uns intensiv über die Bedarfe von Lesben in Berlin und ihre akuten Probleme ausgetauscht. Sophie Yukiko hat für ADEFRA e.V. an dem Abend gesprochen. Wir freuen uns sehr, dass wir die Rede mit Euch teilen dürfen! 

„Ich erzähle niemandem etwas Neues, wenn ich sage, dass Frauen* Fem Personen oder AFAB* Personen – FLINTA Personen im Allgemeinen, diejenigen sind, die unsere Gesellschaft im Großen sowie im Kleinen zusammenhalten. Ich verzichte an dieser Stelle auf Beispiele und Zitate und Statistiken die beweisen und erklären, dass die Care Arbeit unserer Gesellschaft von Frauen – von allen Frauisierten Personen, jene die als solche erzogen wurden, gleichwohl mit denen die als solche leben, erledigt wird. Stetig und meist unentgeltlich und oft bis zur Selbstaufgabe, egal ob in der Familie, in der Pflege etc.

In dieser Tradition stehen auch Lesben – damit meine ich alle queeren Personen die sich politisch mit diesem Begriff identifizieren können. Lesben – Weisse, aber vor allem Schwarze und Nicht-Weisse Lesben, erledigen die politische Care Arbeit in Wahlfamilien, Communities, Vereinen, subkulturellen Räumen und kommunaler Arbeit. Ich hätte große Lust dazu, mich mit dem WARUM zu beschäftigen, mich mit euch darüber zu unterhalten und darüber zu philosophieren, wie es dazu kam, es fasziniert mich, wie so etwas kulturell wächst, aber dafür haben wir leider keine Zeit –denn den Lesben, die im kleinen und im großen versuchen, Communities und durch das Raster fallende vulnerable Personen am Leben und auf den Beinen zu halten, denen geht die Luft aus, denen fällt die Unterstützung weg, denen geht die Zeit aus um denen zu helfen – denen sonst niemand mehr hilft.

Was gebraucht wird – für lesbische Communities in Berlin, um queeres Leben zu stärken und zu erhalten, sind also eigentlich zwei Dinge.

1. Zum einen, werden konkrete Maßnahmen benötigt, die das Leben lesbischer Personen stabilisieren können – nur wer auf stabilen Beinen steht, kann anderen Personen helfen

2. Zum anderen, werden konkrete Maßnahmen benötigt, um die Strukturen zu stärken oder zu schaffen, die sich derer gesellschaftlichen Probleme annehmen, die sonst von queeren FLINTAs übernommen werden, weil sich sonst niemand darum kümmert.

Es kann sein und ich hoffe, dass das was ich hier beschreiben will, sofort nachvollziehbar für die meisten ist, weil sie es selbst kennen. Ich will trotzdem gerne ein Beispiel geben, die das Spannungsfeld zwischen diesen beiden Punkten veranschaulicht, um vom abstrakten ins Konkrete zu kommen – hierzu aus meiner eigenen Erfahrung, ein einziges Beispiel, nicht weil es das Beste oder Wichtigste ist, sondern weil es meins ist und ich ungerne die Herausforderungen anderer teilen will, ohne das mit ihnen abgesprochen zu haben.

Ich bin Sophie Yukiko, Künstlerin, Performerin, Tänzerin, Schauspielerin, ich schreibe, ich finde auf der Bühne statt, hauptsächlich im Kontext Theater. In Berlin kennen mich die meisten Personen als eine Figur aus dem Subkulturellen Kontext der Ballroom Szene oder Community, das ist eine Kultur die in den 1980ern in Harlem entstand und von Schwarzen und LatinX queeren Personen, allen voran Trans Frauen vorangetrieben wurde um queere Nicht Weisse Spaces zu kreieren. Bei Ballroom Kultur geht es grob erklärt um das Thema Wahlfamilie, die sogenannten Häuser – deren Leader:innen Mother oder Father genannt werden, wie bei einer Familie eben.

In der Tradition dieser Kultur, ist es natürlich so, dass in dieser Kultur viele junge queere Menschen stattfinden, die dringend nach einem Raum der Selbstermächtigung suchen. In Berlin geht es dabei um afrodeutsche Transpersonen, es geht um geflüchtete queere Personen, es geht um arm-sozialisierte Nicht-Weisse Personen – vielleicht könnt ihr euch das ein wenig vorstellen.

In diesem Space bin ich seit über 11 Jahren aktiv, ich bin selbst die Mother eines Houses und ich kann euch sagen, dass ich in diesem Kontext nicht damit beschäftigt bin Kostüme zu basteln oder Tanzstunden zu geben. In diesem Kontext fülle ich Formulare aus, sammle Gelder für Notfälle ein, kontaktiere Ärzte, spreche mit Lehrer_innen, mit Kliniken, mit Mietvereinen, mit der Agentur für Arbeit, mit der Polizei, mit Anwälten. Ich bin eine kostenlose Sozialarbeiterin für queere Jugendliche der Stadt Berlin, ich helfe der Stadt Berlin, ich helfe diesem Land, ich erledige die Arbeit, die die Stadt und das Land nicht mehr leistet oder noch nie geleistet hat. Meine Arbeit verhallt, sie laugt mich aus.

Diese Arbeit erledige ich als Person ohne Ausbildung und ohne akademischen Grad, während es mir selbst zeitweise gar nicht mehr möglich ist, meine Existenz finanziell sicherzustellen.

Ich will also noch einmal wiederholen, dass die Antwort auf die Frage, die in diesem Kontext gestellt wurde – Was braucht die lesbische Community in Berlin? intersektional gedacht lautet:

1. Zum einen, werden konkrete Maßnahmen benötigt, die das Leben lesbischer Personen stabilisieren können – nur wer auf stabilen Beinen steht, kann anderen Personen helfen

2. Zum anderen, werden konkrete Maßnahmen benötigt, um die Strukturen zu stärken oder zu schaffen, die sich derer gesellschaftlichen Probleme annehmen, die sonst von queeren FLINTAs übernommen werden, weil sich sonst niemand darum kümmert

UND WIE KANN DAS KONKRET AUSSEHEN?

1. Politische Selbstbestimmung lesbischer Familien – die Entfernung von diskriminierenden Gesetzten gegenüber lesbisch verheirateten Paaren, die ihre eigenen Kinder noch immer adoptieren müssen.

2. Die Stärkung der Rechte eingetragener Lebenspartner_innenschaften, mit denen sich Wahlpaare und auch platonisch queer füreinander verantwortliche besser gegenseitig strukturell absichern können.

3. Das Bereitstellen von Geldern und das Entwickeln von Wohnprojekten, die von Armut bedrohten lesbische Personen im Alter absichern können.

4. Spezialisierung und größere Bereitstellung / Aufstockung von Beratungsstellen für häusliche Gewalt oder häusliche Krisensituationen in queeren / lesbischen Kontexten.

5. Spezialisierung und größere Bereitstellung / Aufstockung von Suchtberatungen in queeren / lesbischen Kontexten.

6. Spezialisierung und größere Bereitstellung / Aufstockung von psychischen Beratungsstellen in queeren / lesbischen Kontexten.

7. Spezialisierung Anlaufstellen für lesbische Frauen in strukturellen Krisensituationen – drohende Wohnungslosigkeit, Existenzbedrohung etc.

8. Strukturelle und finanzielle Unterstützung des Berliner Senats für eine bessere Vernetzung bestehender Vereine, Maßnahmen und Projekte, die ihre Arbeit miteinander teilen, um Synergien herzustellen.

9. Das Bereitstellen von Fördergeldern, auf welches sich lesbische Personen bewerben können, um Unterstützung für Community Arbeit zu erhalten. Unter niedrigschwelligen Bewerbungsverfahren zum Beantragen dieser Gelder, die nicht an akademische Grade oder Ausbildungen gebunden sind.

10. Auf Mehrfachdiskriminierung spezialisierte Aufklärungsangebote und Hilfestellung für Antragsstellungen für queere und Nicht – Weisse Personen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen.

11. Das Bereitstellen von Geldern und das Entwickeln von Wohnprojekten, für geflüchtete FLINTA Personen.“  Sophie Yukiko für ADEFRA

Kommentare

Keine Kommentare

Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich